Unfallrisiken im internationalen Vergleich

EINFÜHRUNG
Angesichts mancher blühenden Vorurteile
ist ein objektiver Vergleich der Verkehrssicherheit bzw. des Unfallrisikos verschiedener Länder angebracht,
eigentlich auch verschiedener Städte.

Gerade beim Fahrradverkehr ist es jedoch nicht einfach, geeignete Bezugsgrößen zu bekommen.

Grundsätzlich bieten sich zwei Bezugsgrößen an:
• die Kilometerleistungen (in der Verkehrsart) der zu vergleichenden Länder (1 Unfall bzw. 1 Unfalltoter pro … km)
• die Produkte aus Einwohnerzahlen und Modal Splits (Unfälle bzw. Unfalltote pro Million rechnerische Nutzer).
Eine grundsätzliche Vagheit entsteht dadurch, dass Kilometerleistungen und Nutzungshäufigkeiten samt den daraus errechneten Modal Splits größtenteils aus Befragungen bei Mikrozensus' gewonnen werden. Die Daten sind also von der Ehrlchkeit der Befragten und von der Repräsantativität der Stichproben abhängig.

Manche dieser Zahlen sind gar nicht verwertbar, weil manchmal nur bestimmte Arten von Wegen erfragt werden (Wege an Werlktagen, Wege zur Arbeit, Wege zu innerörtlichen Zielen, Wege von Bewohnern der Stadt), während die Unfall- und Opferzahlen jeweils alle (polizeilich erfassten) Unfälle im untersuchten Gebiet erfassen.

Wie im Folgenden am Beispiel der Schweiz zu erkennen, kann die Vergleichbarkeit zwischen verschiedenen Ländern mittels Modal Split beinträchtigt sein durch Unterschiede der Kilometerleistung und Wegezalhl alller Verkehrsarten zusammen pro Kopf.


TÖDLICHE FAHRRADUNFÄLLE, BEZOGEN AUF DEN MODAL SPLIT

 DNLCH
Einwohner82.175.68416.979.1208.417.700
2014Fahrradanteil13,2 %26 %
rechn. Radler10.847.1904.414.571
getötete Radler396185
Tote/Mio. Radler36,541,9
2015Fahrradanteil11,8 %27 %
rechn. Radler9.696.7314.584.362
getötete Radler383185
Tote/Mio. Radler39,540,35
2016Fahrradanteil5,3
rechn. Radler446.138
getötete Radler39318936
Tote/Mio. Radler80,6

Dass die Schweiz unter dem Modal Split als Bezugsgröße deutlich schlechter aussieht, liegt daran,
dass die Schweizer mit allen Verkehrsmitteln zusammen pro Tag durchschnittlich etwa 5 Wege am Tag machen,
gegenüber dem internationalen Durchschnitt von3 Wegen pro Tag.
Die tägliche Kilometerleistung aller Verkehrsarten pro Kopf ist in der Schweiz etwa doppelt so hoch wie in anderen Ländern.
Daher ist der Modal Split (Verkehrsanteil) des Fahrrades in der Schweiz viel niediger als in Deutschland,
trotz fast genauso vielen Fahrradkilmetern pro Kopf.


QUELLEN

Einwohnerzahlen: Angesichsts der geringen Schwankungen wurden die aktuellen Werte aus der Wikipedia genommen.
Mlodal Split:
Deutschland: Mobilitätspanels des Karlsruher Instituts für Technologie
Niederlande: Mobilitätsbeeld 2014 und Mobilitätsbeeld 2014, jeweils → Inhoudsopgave → Personenvervoer

Die ECF-Angabe zu den Radverkehrsanteilen wurde hier NICHT verwendet.
Sie beruht auf einer Befragung in mehreren EU-Ländern,
ergibt aber für die Niederlande Zahlen, die lamtlicher niederländischer Statistik zufolge
für kürzere Strecken innerorts erhoben wurden und nicht für den landesweiten Modal Split:
 DNL
12 %36 %
rechnerische Radler9.861.0826.112.483


Unfallzahlen:
Deutschland:
DESTATIS: Kraftrad-­ und Fahrradunfälle im Straßenverkehr 2014
DESTATIS: Kraftrad-­ und Fahrradunfälle im Straßenverkehr 2015

Niederlande:
Antwort der SWOV (Stichting voor Wetenschaplijk Onderzoek van Verkeersveiligheit/Stiftung für die Wissenschaftliche Untersuchung der Verkehrssicherheit):
auf eine detaillierte Anfrage nach der Häufigkeit diverser Typen von Fahrradunfällen:

Von: Saskia de Craen <saskia.de.craen@swov.nl>
Datum: 29. Juni 2017 12:02:28 MESZ
An: <ulamm.brem@t-online.de>
Kopie: <persvoorlichting@swov.nl>, <info@swov.nl>
Betreff: RE: Cycling accidents

Dear Ulrich Lamm,

I’m afraid we don’t have information on cycling crashes with the level of detail you are looking for.
In general you can search for your answers in two tables:
Real number of traffic fatalities and seriously injured per mode of transport
This table includes the actual number of fatalities and seriously injured bicylists in the Netherlands.
This a very reliable table, however, as you can see the table does not have much detail.
In fact, after 2009 we don’t haven information on the actual number of seriously injured bicyclists because police registration deteriorated after that point.
Police registered crashes
This table shows the number of crashes that were registered by the police.
This table includes more detail but is very inreliable because the police doesn’t register every crash in the Netherlands.
In fact, almost none of the bicycle crashes without a conflict with a motorized vehicle (resulting in at least half of the seriously injured) is registered.
You should be very careful with conclusions drawn from this data
(e.g. most of the decline in number of crashes can attributed to the deteriorating registration; and not improvement of road safety).

Very recently we published a factsheet on road safety of bicyclists.
We hope to publish the English translation soon, but for now (and as an indication of which information is available)
you can find the Dutch version here.

Kind regards,
Saskia de Craen.

-
dr. Saskia de Craen
Researcher (PhD) / Absent on Wednesdays

SWOV Institute for Road Safety Research
Bezuidenhoutseweg 62, Den Haag
Mailing adress: PO Box 93113
NL 2509 AC Den Haag

Schweiz:
Medienmitteilung „Strassenverkehr fordert 2016 weniger Todesopfer und Schwerverletzte“ des Schweizer Bundesamtes für Strassen (ASTRA)

Großbritannien:
Beyond the Kerb – Casebook 2016 abzüglich 16 Todesfällen von Radlern durch medizinische Ereignisse.
Die Liste wirkt insgesamt engagiert recherchiert und ist gut durch Google Maps und Zeitungsberichte ergänzt,
verrät aber trotzdem bei sehr vielen Unfällen nichts über den Unfallhergang.


Kilometerleistungen NL, D und UK (GB) siehe Artikel in NL Times

Ausführliche Quelle zur Schweizer Verkehrsstatistik:
Bundesamt für Statistik: Mobilität und Verkehr,
dort Pfade:
a)
11 - Mobilität und Verkehr
scrollen: -> In diesem Thema
→ Personenverkehr
(Kennzahlen zu den Verkehrsleistungen im Personenverkehr, zum Verkehrsverhalten der Bevölkerung und zur Mobilität)
→ Seite 24, Tabelle 3.3.1.1

b)
Kataloge und Datenbanken
→Tabellen

Suchmaske:
Thema: Verkehrsverhalten -> Verkehrsverhalten 11.04.03
Suche in Titelei: 3.3.1.1


TÖDLICHE FAHRRADUNFÄLLE, BEZOGEN AUF DIE KILOMETERLEISTUNG

NL:
(16979120 EW x 900 km) ÷ 189 Tote = 15.281.208.000 ÷ 189 = 80.852.952,38,
also 1 Unfalltoter auf 80.852.952,38 Fahrrad-km
DE:
(82175684 EW x 368 km) ÷ 393 Tote = 30.240.651.712 ÷ 393 = 76.948.223,19,
also 1 Unfalltoter auf 76.948.223,19 Fahrrad-km
CH:28 tote Radler, 8 tote E-Biker
→ (8.417.700 EW x 321km) ÷ (28+8) Tote = 2.702.081.700 ÷ 36 = 75.057.825,
also 1 Unfalltoter auf 75.057.825 Fahrrad-oder-E-Bike-km
UK:
(65.110.000 EW x 75 km) ÷ (125 – 16) Tote = 4883250000 ÷ 109 = 44.800.459,
also 1 Unfalltoter auf 44.800.459 Fahrrad-km


UNFALLTOTE IN ALLEN VERKEHRSARTEN, EU-WEIT

Unfalltote
pro Mio Einw.
% Fuß% Fhar-
rad
% Motor-
rad
% Fuß
+ R + M
% Auto +
Bus + LKW
Auto+Bus+LKW
pro Mio. EW
Staat
AT51151013386231,6Österreich
BG902355336760,3Bulgarien
BE64141014386239,7Belgien
CY 52Cypern
CZ61251110465432,9Tschechien
DK3317178425820,9Dänemark
DE42171117455523,1Deutschland
ES3622418445620,2España
EE5925122396136,0Estland
FI 411389307028,7Finnland
FR5314420386232,9Frankreich
EL7217229485237,4Griechenland
UK2823619485214,6Großbritannien
IE 4318512356528Irland
IT 5216721445629,1Italien
HR 7319613386245,3Kroatien
LV 1053976524850,4Lettland
NL2811246415916,5Niederlande
PL 843498514941,2Polen
PT 5923512406035,4Portugal
RO 913993514944,6Rumänien
SE2916515366418,6Schweden
SK 5418107356535,1Slowakei
SI 5215914386232,2Slowenien
HU63251210475333,4Ungarn
LT903411Litauen
LU 65Luxemburg
MT26Malta
EU5122815455528Europ. Union


FAZIT

Nimmt man die tödlichen Unfälle als Maß von Sicherheit oder Unfallrisiko für Radler/innen,
so gibt es zwischen Deutschland und den Niederlanden keinen signifikanten Unterschied,
weder unter Bezug auf den Modal Split, noch unter Bezug auf die Kilometerleistung.
Für Benutzer zweispuriger KFZ sind die Niederlande jedoch deutlich sicherer als Deutschland.
Unter dem letztgenannten liegt auch Radfahrsicherheit der Schweiz gleich auf.


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